Ensemble-Blog

Geschichten zum Weitererzählen: Die erste Unvollendete

Paul Maar hat uns Anfänge von »unvollendeten Geschichten« zur Verfügung gestellt, die wir hier nach und nach lesen werden. Es wäre schön, wenn Sie sich ausdenken / Ihr Euch ausdenkt, wie die Geschichten weitergehen könnten. Erzählen Sie / erzählt sie bitte für uns alle weiter! Wir freuen uns auf Beiträge von Kindern und Jugendlichen genauso wie auf Post von Erwachsenen: per e-mail (an meinecoronageschichte@theater-massbach.de) oder als Brief (Ensemble des Theaters Schloss Maßbach, Parksiedlung 8, 97711 Maßbach). Ihr / Euer Einverständnis vorausgesetzt (bitte dazuschreiben), werden wir ausgewählte Beiträge zu einem späteren Zeitpunkt auf diesem Blog veröffentlichen.

Die böse Zauberin und ihre gute Tochter
gelesen von Ingo Pfeiffer


Paul Maar:
Die böse Zauberin und ihre gute Tochter

Es war einmal eine Zauberin, die hieß Frau Schmitt. Sie war eine böse Zauberin und zauberte mit Vorliebe böse Dinge. Mal hier eine Überschwemmung, dort einen Waldbrand, mal einen Dammbruch, mal einen Wirbelsturm und manchmal auch unverhoffte Straßenbauarbeiten oder Verspätungen bei Zügen.
Ihre Spezialität waren Erdbeben, Vulkanausbrüche und lange Warteschlagen vor Ämtern. Aber sie war sich nicht zu schade, auch Kleinigkeiten zu zaubern wie Radiergummis, die ein Loch ins Heft rissen, vergessene Mathehefte oder einzelne Kniestrümpfe, bei denen der zweite nicht zu finden war.
Frau Schmitt hatte eine Tochter, die war zwölf Jahre alt und völlig anders veranlagt als die Mutter.
Die Zauberin hatte dem Mädchen den Namen Malefizia gegeben, aber ihre
Tochter nannte sich Fizi, weil ihr der Name Malefizia unheimlich war. Alle in ihrer Schulklasse kannten sie nur unter diesem Namen. Fizi erzählte auch niemandem, dass ihre Mutter eine Zauberin war. Selbst ihre beste Freundin Nora war der Meinung, Fizis Mutter sei eine Einzelhandels-Kauffrau. So hatte es ihr Fizi jedenfalls erzählt.
Fizi liebte Tiere, teilte ihr Pausenbrot mit Veronika, die immer ohne Brot in die Schule kam, half jüngeren Schülern bei den Hausaufgaben, warf keine ausgekauten Kaugummis achtlos auf den Boden, log so wenig wie möglich und spülte ohne Widerrede das Geschirr nicht nur ab, sondern rieb es danach mit einem Küchentuch trocken.
Mit anderen Worten: Sie versuchte, ein guter Mensch zu sein. Sehr zum Ärger ihrer Mutter, die es gerne gesehen hätte, wenn Malefizia wenigstens ein kleines bisschen böser gewesen wäre.
Fast jeden Tag versuchte Frau Schmitt, ihre Tochter für das Zaubern zu
begeistern. Ohne Erfolg.
Sie beklagte sich manchmal bei ihrer Zauberin-Kollegin Frau Müller-Vorweck über ihre Tochter. »Wenn sie doch wenigstens ein klein wenig Interesse für meinen Beruf aufbringen würde«, sagte sie. »Aber es ist, als würde ich gegen eine Mauer reden.«
»Man muss den Kindern Zeit lassen und darf sie nicht drängen«, tröstete Frau Müller-Vorweck sie. »Du wirst sehen: Eines Tages platzt der Knoten. Eines Tages entdeckt sie, wie viel Freude es macht, mit einem kleinen Fallwind ein Dach abzudecken oder auf einem Campingplatz die Zelte umzublasen. Vielleicht kannst du ja etwas zaubern, das ihr gefällt und das ihr nützt. Dann sieht sie vielleicht ein, wie schön unser Beruf ist.«
Frau Schmitt dachte darüber nach. Aber es fiel ihr lange nichts Passendes ein. An Fizis letztem Ferientag kam ihr eine Idee.
»Malefizia, gehst du morgen gerne wieder in die Schule?«, fragte sie.
»Nicht besonders gerne«, sagte Fizi. »Ferien sind schöner.«
»Dann habe ich eine ganz besondere Überraschung für dich«, sagte Frau
Schmid und zauberte gleich einen Blitzeinschlag in das Dach der Schule mit anschließendem Dachstuhlbrand.
»Na, siehst du, wie schön es ist, wenn man zaubern kann?«, fragte sie ihre
Tochter, als die Schule viel später wieder anfing. »Jetzt hattest du eine Woche länger Ferien.«
»Besser wäre es gewesen, du hättest ein Wartehäuschen an die Haltestelle des Schulbusses gezaubert«, sagte Fizi.
»Das wäre aber etwas Nützliches gewesen«, sagte ihre Mutter. »Du weißt genau, dass mir das nicht liegt. Du musst doch zugeben, dass dir der kleine Brand gefallen hat!«
»Das ganze Schulhaus riecht jetzt wie ein geräucherter Schinken«, sagte Fizi. »Und das soll mir gefallen?«
»Du bist und bleibst einfach undankbar!«, schimpfte ihre Mutter. »Es ist nicht schön, wenn ein Kind so gar keine Freude am Beruf der Mutter hat. Da gleichst du nur zu sehr deinem Vater!«
»Weil du gerade von Papa sprichst: Wo ist der eigentlich abgeblieben?«, fragte Fizi. »Ich habe ihn seit einem Dreivierteljahr nicht mehr gesehen.«
»Nun, der wird eines Tages schon wiederkommen«, sagte ihre Mutter leichthin. Sie hatte keine Lust, Fizi zu gestehen, dass sie ihren Mann in einen Lederkoffer verzaubert und unter dem Garderobenspiegel abgestellt hatte.
Eines Nachmittags saß Fizi allein zu Hause und erledigte ihre Mathe-Hausaufgaben. Ihre Mutter war nicht da. Sie hatte sich mit Frau Müller-Vorweck um Viertel vor drei im Kaufhaus Dinkelmann verabredet. Sie wollten gemeinsam den Feueralarm genießen, den Fizis Mutter für drei Uhr vorausgezaubert hatte.
Da begann es plötzlich in der Wohnung zu rumpeln. Fizi stand auf und versuchte herauszufinden, woher das Geräusch kam. Das Rumpeln wurde lauter und lauter. Jetzt war sie sich ganz sicher: Es kam aus Richtung der Garderobe.
Irgendetwas rumorte unter dem Spiegel …

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